
Bild: © Harald Brinck / Mapillary, CC BY 4.0
1,5 m Abstand, war da nicht irgendwas?
Der ADFC hat an verschiedenen Straßen in Nürnberg stichprobenartig überprüft, ob beim Überholen der Mindestabstand von 1,5 m eingehalten wird, der 2020 in die StVO aufgenommen wurde.
Im Mai hat der ADFC Nürnberg Messungen im Nürnberger Stadtgebiet durchgeführt, um zu überprüfen, wie es dort mit der Einhaltung des Mindestabstands von 1,5 m bestellt ist. Die gute Nachricht ist, dass in den meisten Fällen mit mehr als 1,5 m überholt wurde.
Die schlechte Nachricht ist, dass ein Großteil der Autofahrenden die 1,5‑m‑Regelung immer noch als unverbindliche Empfehlung zu verstehen scheint. Dieser Abstand, so scheint es, kann auch gerne ignoriert werden, wenn die Einhaltung bedeuten würde, dass man im Kriechtempo hinter einem Fahrrad herfahren müsste.
Am besten abgeschnitten hat bei unseren Messungen die Gibitzenhofstraße, wo sich 85 % der Autofahrenden an den Mindestabstand gehalten haben. Positiv wirkt sich hier der mit ca. 2,5 m Breite großzügig dimensionierte Radfahrstreifen aus. Die für Autos verbleibende Fahrbahnbreite von ca. 4,5 m macht ein zweispuriges Fahren unmöglich. Damit gibt es keinen Grund für die Lenker von Kraftfahrzeugen, den Abstand zu Radfahrenden auszureizen.
Der Grund, warum es trotzdem vereinzelt zu erheblichen Unterschreitungen des Mindestabstands kam, ist: Dieser Radfahrstreifen wird hier gerne als Kurzparkzone benutzt, und Radfahrende sind dann gezwungen, am äußersten linken Rand des Radstreifens zu fahren.
Schlusslicht bei den Messungen war die Saarbrückener Straße, wo nur 57 % der Überholenden den Abstand einhielten. Die Straße hat keine Fahrradinfrastruktur, und an den Straßenrändern wird gerne geparkt, wodurch die verfügbare Breite der Straße weiter verringert wird.
Obwohl in dieser Straße seit einiger Zeit Tempo 30 gilt, scheinen es viele Autolenkende für unzumutbar zu halten, mit 20 km/h zu fahren, bis sich eine sichere Gelegenheit zum Überholen bietet.
Dazwischen liegen mit 61 bis 75 % die Trierer Straße und die nördliche sowie südliche Virnsberger Straße mit ihren recht neuen, aber trotzdem eher schmalen Radfahr‑ bzw. Schutzstreifen.
Aus den Messungen ergibt sich, dass auch bei Radfahr‑ oder Schutzstreifen Autofahrende auf den Abstand achten. Die weit verbreitete Ansicht, dass auf Straßen mit Schutzstreifen enger überholt wird als auf Straßen ohne Radinfrastruktur, konnte der ADFC Nürnberg mit seinen Messungen nicht bestätigen. Bei parallel zu den Abstandsmessungen durchgeführten Videoaufnahmen konnte auch der Mythos nicht bestätigt werden, dass Autofahrende sich beim Überholen an den Begrenzungen der Radfahr‑ oder Schutzstreifen orientieren bzw. diese Linie als Kennzeichnung des empfohlenen Abstands missverstehen. Die Kraftfahrzeuge fuhren in den allermeisten Fällen deutlich links von dieser Linie. Wenn sich die Kraftfahrzeugführenden an einer Linie zu orientieren schienen, dann eher am Mittelstreifen, den sie nach Möglichkeit auch beim Überholen nicht überfuhren.
Fazit
Von der Infrastruktur‑Seite wären breite Radstreifen die Lösung, in Kombination damit, dass für Lieferfahrzeuge legale Kurzzeitparkplätze zur Verfügung gestellt werden und das Halteverbot auf den Radfahrstreifen überwacht und geahndet wird.
Ein anderer Ansatz wäre, zu dichtes Überholen tatsächlich zu bestrafen. Solange Autofahrende keinen Unfall verursachen, brauchen sie sich derzeit keine Sorgen zu machen, wegen zu dichtem Überholen belangt zu werden. Denn auch mehr als sechs Jahre nach Änderung der StVO hat die Polizei noch nicht die geeichte Messtechnik, um die Abstände zu überprüfen.
Die Messungen mit OBS
An jeder der oben genannten Straßen wurden ca. 50 Überholvorgänge gemessen. Für die Messung wurde ein OpenBikeSensor (OBS) verwendet, der den Abstand zum überholenden Auto mit Ultraschall ermittelt.
Der ADFC Nürnberg hat zwei einsatzbereite OBS, die Interessierte für eigene Messungen ausleihen können. Bei Bedarf unterstützt der ADFC gerne bei der Montage und bei der Auswertung der Daten.
Weiterhin haben wir noch zwei OBS‑Bausätze für Elektronik‑Bastler, die nicht nur Abstände messen wollen, sondern die auch Spaß daran haben, einen weiteren OBS für den ADFC selbst zusammenzulöten.








